BirgitRie - Di, 12. Apr, 22:42
Es war der Tag, an dem ich von der Haltestellen-Namensänderung von Purkersdorf-Gablitz auf Purkersdorf-Zentrum erstmals Notiz nahm. Wer dies wohl forciert hatte? Wollte G. nicht mehr das Anhängsel von P. oder P. einfach nur noch P. sein? Jedenfalls egal. Ich kaufe meine Tickets weiterhin ab Purkersdorf-Sanatorium. Das muss man wissen, hat man eine Fahrkarte für Wien und will die Bundeshauptstadt gen Westen verlassen. 1,20 Euro ist die Unterschied zwischen einer Fahrt ab Wien-Westbahnhof und einer ab Purkersdorf-Sanatorium. Monatelang habe ich diesen Aufpreis freiwillig bezahlt. Macht kumuliert etwa 30 Euro.
Es war der Tag, an dem, wie an jedem anderen auch, an dem ich die Zugstoilette in Anspruch nahm, der sensorisierte Wasserhahn nicht bzw. erst nach erheblicher Verzögerung auf meine unsensorisierten Hände, die schon häufig mittels Handgreiflichkeiten gegen den vermeintlichen Wasserspender vorgehen mussten, reagierte; das Händewaschen letztlich aber zumindest, anders als an den meisten anderen Tagen, ohne Wasserspritzer auf nicht dafür gedachte Körperteile über die Bühne ging.
Es war der Tag, an dem ich nach vielen Jahren der Abstinenz wieder Früchtetee trank, um mir dann über den Grund der jahrelangen Abstinenz wieder völlig klar zu sein.
Es war der Tag, das wollte ich nur festgehalten haben.
BirgitRie - Di, 22. Mär, 22:40
Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Man kennt das ja. Parkt täglich seinen Wagen auf den selben Parkplatz, benutzt die immergleiche Toilette und hat seinen Stammplatz im Cafe.
Ich habe meinen Stammplatz im Autobus. Er ist im hinteren Teil des Busses, nicht ganz hinten bei der Tür (wegen der Zugluft) - in der Mitte zwischen mittlerer und hinterer Tür. Linksseitig, direkt am Fenster, da ist mein Platz. (Ich pflege übrigens stets linksseitig zu sitzen - egal ob in U-, Straßenbahn, Zug oder Bus - habe ich festgestellt. Aber das nur so am Rande.) Der Platz ist im Vergleich zu den davor liegenden Sitzen leicht erhöht, sodass der optimale Überblick über das Geschehen im Bus gewährt ist.
Eigentlich hatte ich selten Probleme, den Platz zu ergattern. Schließlich fahre ich stets spät abends mit dem Bus und steige bereits an der zweiten Einstiegsstelle zu. In der Regel sitzen zum Zeitpunkt meines Zustiegs niemals mehr als drei Personen in diesem Bus - eher weniger. Und diese maximal drei Personen hatten das imaginäre Reserviert-Schild an meinem Platz auch zumeist respektiert. Doch seit Kurzem ist das anders. Es gibt Menschen, die die Unverfrorenheit besitzen bei, eigenhändig abgezählten, 31 vorhandenen Plätzen vor der Nase wegzuschnappen. Bei einer Quote von 1:31 genauso wenig im Lotto gewinnen, wie das österreichische Nationalteam ein Fußballspiel. Warum also dieses zweifelhafte Glück im Bus? Vielleicht haben auch andere die Vorzüge meines Platzes erkannt. Möglich.
Ich ziehe jedenfalls ernsthaft in Erwägung, mein imaginäres „Reserviert“-Schild gegen ein echtes zu tauschen.
BirgitRie - Mi, 22. Dez, 00:18
Es ist so eine Sache mit der Wahrheit. Der Eine behauptet was, der Andere das glatte Gegenteil. Und was ist die Wahrheit? Kennt sie ein Richter oder ein Pfarrer oder kennt sie überhaupt jemand? Wäre die Wahrheit eine Person, sie trüge ein weißes Kleid, unbefleckt, langes blondes Haar ohne Spliss und ohne Makel. Keine Ohrringe, keine Tattoos. Die reinste Reinheit, die reinste Wahrheit. Doch in Wahrheit ist das blanker Unsinn: Welche Wahrheit ist schon weiß und unbefleckt? Irgendeine Wunschvorstellung ist das von einer friedlichen Welt, in der sich alle lieben und niemand Böses denkt. Die Wahrheit also ist kein blonder Engel. Die Wahrheit ist dieses Alles und Nichts. Das Ungreifbare, das Unfassbare, das Unnahbare. Manchmal böse, selten gut, meistens irgendwo dazwischen. Die Wahrheit ist das was wir wissen, das was wir glauben zu wissen, das was wir dafür halten und meistens das, worüber wir nichts wissen. Die Wahrheit ist das, was wir für Gerechtigkeit halten und für Ungerechtigkeit. Die Wahrheit ist das, woran wir glauben und woran wir längst aufgehört haben, zu glauben. Die Wahrheit ist ein Punk, ein Landstreicher, ein Gefängnisinsasse, ein Verwandlungskünstler. Sie trägt schwarz, weiß, kariert oder bunt. Sie trifft sich im Verborgenen mit der Lüge und ist dann oft sogar noch dreckiger als sie. Die Wahrheit ist, ich kenne die Wahrheit nicht und habe mir nur eine Lügengeschichte über sie zusammengereimt.
BirgitRie - Di, 26. Okt, 23:43
Es gibt Orte, die kennt man irgendwie wie seine Westentasche, um dann doch festzustellen - eigentlich war man noch gar nie da. Durchreisestationen oder „Kurzer-Aufenthalt“-Stationen. X-mal am Bahnhof angekommen und genauso oft wieder von ebenda weggefahren. Und irgendwann, denkt man sich, irgendwann steigt man einfach mal aus. Atmet die Luft von Purkersdorf-Gablitz, trinkt einen Kaffee in St. Valentin, schlendert durch die Straßen von Breitenschützing oder sucht das Wahrzeichen von St. Pölten. Letzteres notier’ ich mir auf meiner Prioritätenliste ganz oben. Tatsächlich hat es mich noch nie nach St. Pölten verschlagen. Zurecht, könnten böse Zungen vielleicht behaupten. Und es stimmt schon, viel Gutes hört man tatsächlich nicht über diese Stadt. Aber ich will der jüngsten österreichischen Landeshauptstadt eine Chance geben. Zumindest einmal in meinem Leben sollte ich meine Füße auf den Boden des Machtzentrums jenes Bundeslandes, das zwischen meinem Wahl- und meinem Heimat-Bundesland liegt, gesetzt haben. Und schließlich gilt es da ja auch noch etwas herauszufinden. Einst im Schulunterricht lernten wir die Wahrzeichen aller österreichischer Landeshauptstädte. Von Innsbruck das Goldene Dachl, von Salzburg die Hohenfestung, von Graz der Uhrturm, von Klagenfurt der Lindwurm und von St. Pölten, ... ja von St. Pölten? Die Frau Lehrerin wusste es nicht. Ich mache es mir also zur Mission - und nein, ich begnüge mich nicht mit einem Blick auf wikipedia - herauszufinden, ob es in St. Pölten noch etwas anderes gibt außer Erwin Pröll, Windräder, ein Autobahnkreuz und die Zentrale eines großen Möbelhauses.
Ich werde demnächst irgendwann davon erzählen, wenn ich mein Vorhaben in die Tat umgesetzt habe und die Durchreisestation zur Haltestation gemacht habe. Irgendwann. Sicher.
BirgitRie - Fr, 20. Aug, 12:19
Für Bahnfahrer ist es eine Grundsatzfrage. Offen oder geschlossen. Ich für meinen Teil bevorzuge ja offen. Psychologisch gedeutet hieße das wohl, ich sei ein offener Mensch. Ich halte mich eigentlich nicht für besonders offen. Ist jetzt aber ohnehin egal, weil die Entscheidung konnte ich wieder einmal nicht selbst treffen. Weil offen wieder mal verschlossen - sprich besetzt - und das obwohl ich extra 25 Minuten vor Abfahrt eingestiegen bin - oder reserviert war. Gut, ich kann mich nicht beschweren, schließlich stand im Internet ja: „Starker Reisetag - bitte reservieren.“ Und schließlich habe ich ja noch einen Sitzplatz ergattert. Halt in einem geschlossenen Abteil. Ein geschlossenes Abteil zu betreten ist wie „Tag der offenen Tür in die Intimsphäre“. Wie das Badezimmer einer Vorführwohnung bei Ikea zu betreten. Öffentlich, aber doch irgendwie privat und intim.
Tür auf. Ist da noch frei? Hinsetzen. Still sitzen. Zeitung lesen. Direkte Blickkontakte meiden. Nicht einschlafen, dabei den Mund öffnen und den Kopf auf den Sitznachbarn fallen lassen - von Schnarchen gar nicht zu reden. Die korrekte Verhaltensweise in einem geschlossenen Abteil ist von wesentlich größerer Bedeutung als in einem offenen. Denn der „Schuldige“ ist schnell ausgemacht. Handy läuten, Wurstgeruch, sonstiger Geruch, Beine ausstrecken, Nachbar berühren, Laptop mit Lautsprecher an, Handy fallen lassen, Sonstiges fallen lassen, Schuhe ausziehen, Schluckauf,.... Die Liste der unangebrachten Verhaltensweisen ist unendlich fortsetzbar. Alles richtig machen kaum möglich. Deswegen nächstes Mal noch früher dran sein und hoffentlich wieder offen.
BirgitRie - Mi, 18. Aug, 14:35
seit knapp einem jahr fahre ich wieder regelmäßig bahn. ich muss gestehen, ich habe mich ins bahnfahren verliebt. von anfang an. keine spur von langeweile. mein notizbüchlein immer dabei, habe ich begonnen, während der bahnfahrt zu schreiben. über das bahnfahren, die sitznachbarn, die aussicht, den zu heißen cappuccino oder die schmutzige toilette. bahnfahren bietet keine großen abenteuer, aber es ist inspirierend. wie gesagt, ich liebe es.
BirgitRie - Mi, 18. Aug, 14:17
Für den Fall, dass sich der eine oder andere Freund des guten alten deutschen Freitagabend-Fernsehkrimis gefragt haben soll, was denn eigentlich aus Stefan Derrick geworden ist, seit ihn Horst Tappert aus bekannten Gründen nicht mehr spielen kann - ich habe die Antwort.
Stefan Derrick lebt in Wien, ist kaum älter geworden, tarnt sich hinter einer neuen Familie und perfektem Wiener Dialekt und fährt U-Bahn. Ich habe ihn neulich in der U3 gesehen. Er trug Josef Matulas Lederjacke, was mich natürlich (völlig logisch) direkt zu der Frage brachte: Wo ist eigentlich Harry Klein? Ich konnte ihn nicht sehen. Bestimmt fuhr er den U-Bahn-Wagen vor...
BirgitRie - Mo, 26. Jul, 15:46
...über all die dinge in meinem kopf, die manchmal logisch, aber meistens völlig wirr zusammengesponnenen gedanken, die mir fast immer irgendwo am weg in den sinn kommen. über die menschen, denen ich nur flüchtig begegne, die dinge, die mir ins auge springen. über die gedanken, die ich mir mache, diese gedanken niederschreiben zu müssen und doch häufig wieder verloren gehen, damit wieder platz ist für neue, wirre gedanken. über die abenteuer in meinem kopf, die mich zum lachen bringen, zum kopf schütteln, oder andere zum kopf schütteln. ich muss sie zu papier bringen, es ist fast wie eine sucht geworden. meistens liebe ich sie, manchmal verdamme ich sie. aber sie sind da und ein teil von mir. und jetzt teile ich sie.
BirgitRie - So, 25. Jul, 16:29